Die Mylesche Berta

Am 01. Mai 1885 wurde die Strecke von Reichenbach nach Mylau eröffnet und sogar von Mylau aus bis an die Göltzschtalbrücke verlängert, um noch einigen Betrieben Gleisanschluß zu ermöglichen.

Nun trat man im sächsischen Landtag dem Gedanken näher, die Linie Zwickau-Falkenstein von Lengenfeld aus mit Mylau zu verbinden, zumal schon Pläne bestanden, diese Bahn dann von Mylau bis Greiz weiterzuführen. Damit hätte Lengenfeld direkte Verbindung mit Thüringen bekommen.

1902 begannen für 4.469.300 Mark Ausbauarbeiten an der Strecke Mylau-Lengenfeld. In Lengenfeld wurde ein neuer Bahnhof errichtet und der Mylauer Bahnhof wurde ausgebaut. Bereits am 17. Mai 1905 konnte die neue Bahn, zunächst noch mit altem Bahnhof, eröffnet werden.

Die "Bimmelbahn" verrichtete über sechzig Jahre treu und brav ihre Dienste.

Ängste mag sie ausgestanden haben, als Mitte der dreißiger Jahre eines Tages in Lengenfeld sechs mit Bruchsteinen beladene offene Güterwagen ausrissen, binnen zehn Minuten durch die Stadt Mylau rasten und wenige Augenblicke später über den Prellbock hinter der Göltzschtalbrücke kopfüber in die Flußaue stürzten.

Mitte der fünfziger Jahre kam man mit viel Bimmeln und Rangieren auf Umwegen in anderthalb Stunden mit der "Myleschen Berta" von Lengenfeld nach Reichenbach, während es für das halbe Geld mit dem Autobus über das kalte Feld hinweg nur 20 Minuten dauerte.

Auszug aus Kulturspiegel Kreis Reichenbach, Mai 1956

Gedicht zum 50. Geburtstag der Linie Mylau-Lengenfeld von M. Gretzschel, Oberreichsbahnrat a.D., Bad Schandau

Es war in Vogtlands Gründen, im Standort Lengenfeld,
Wo höheres Befinden uns hatte hingestellt.
Ein Bähnlein sollte werden. Durchs Göltzschtal sollt' es gehn.
Und ohne viel Beschwerden sah man's auch bald entstehn.
Nur in der Bahnhofsfrage hieß lange es:"Wohin?"
"Ob in der alten Lage? Ob weiter fort in Grün?"
Es kam zum guten Ende, als schließlich ward erkannt:
Den Bahnhof ins Gelände, wo schon der alte stand!
Den Fels da abzubauen, war eine harte Nuß.
Ger viel gab's da zu schauen, bisweilen auch Verdruß.
Beim Sprengen großer Brocken erzittert oft die Luft.
Und mancher war erschrocken, wenn's gar zu stark gepufft.
Der Damm in Höh' und Breite, hart an des Baches Lauf,
Der winkt schon in der Weite:"Kriecht mir den Buckel rauf!"
Die Göltzsch als ältre Dame fühlt sich zu eingeschnürt
Und seufzt in stillem Grame: "Mein Bett ward mir entführt!"
"Mein lauschig grünes Bette von ganz besondrer Art!
Wenn ich's bald wieder hätte! Das neue ist zu hart!"
Auch ihre neuen Brücken zählt sie kaum als Gewinn.
Sie konnten nicht entzücken die Talbeherrscherin.
Zuletzt am Tag der Weihe stellt man den Sonderzug.
Mit Hochs und viel Geschreie er uns nach Mylau trug.
Das Festmahl wurde oben in Lengenfeld beschert.
Nur war's etwas verschroben, wer alles da geehrt!
Die Technik ward indessen dabei nicht recht belohnt
Und nahezu vergessen, wie man es schon gewohnt.
Dem Bähnlein mußt' genügen im täglichen Verkehr
Der Fahrplan mit drei Zügen. Sie fuhren meist halb leer.
Das war nun freilich übel. "Laßt fahren sie dahin!"
Hier galt das Wort der Bibel: "Sie haben's kein Gewinn!"
Als später noch die Straße im Göltzschtal mußt' entstehn,
Griff man sich an die Nase: Die Sache war versehn!
Warum ward denn die Straße, um alles in der Welt,
Nicht anstatt jener Trasse zuerst gleich hingestellt?
Nun mußt' es sich erweisen, wer schlimmer war daran.
Doch dürfen sich nicht beißen die Straß' und Eisenbahn.
Jetzt wird's ein halb Jahrhundert, seit man das Bähnlein sah.
Vielleicht fragt wer Verwundert: "Bei Gott, bist a noch da?"

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